Herr Stanitzki, Sie leiten das German Chips Competence Centre. Bevor wir auf Details eingehen: Was genau ist das G3C und welche Aufgabe übernimmt es?
Das German Chips Competence Centre, kurz G3C, fungiert als erste nationale Anlaufstelle für alle, die im Bereich Chip- und Halbleitertechnologien neue Entwicklungen anstoßen oder umsetzen möchten. Ziel ist es, Innovationsvorhaben frühzeitig strukturiert zu begleiten und sie effizient in tragfähige Anwendungen zu überführen. Dafür bieten wir kostenlose Beratung und Matchmaking für Unternehmen, Start-ups, Forschungseinrichtungen sowie Einzelpersonen an, um Vorhaben zunächst auf ihre technische und wirtschaftliche Umsetzbarkeit zu prüfen und anschließend gezielt an geeignete Entwicklungs- und Implementierungspartner sowie an passende europäische Infrastrukturen zu vermitteln. Inhaltlich liegt unser Fokus auf Chipdesign, Prozessentwicklung und Integration, insbesondere auf der Heterointegration unterschiedlicher Technologien in einem Bauteil. Langfristig leisten wir mit dem G3C, das im Rahmen des EU Chips Acts verankert ist, so einen Beitrag zur Stärkung der Innovationsfähigkeit und zur technologischen Souveränität Europas im Halbleiterbereich. Umgesetzt wird das G3C von der Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland (FMD).
Wo liegen die inhaltlichen Schwerpunkte des G3C – und welche Zielgruppen sprechen Sie damit insbesondere an?
Inhaltlich konzentriert sich das G3C auf die drei gerade genannten und sehr zentralen Themenfelder entlang der Halbleiterwertschöpfungskette: Chipdesign, Halbleiterprozessentwicklung und Integration, insbesondere die Heterointegration unterschiedlicher Technologien in ein Bauteil und dazu notwendige Advanced-Packaging-Ansätze. Diese Schwerpunkte spiegeln sowohl aktuelle technologische Herausforderungen als auch die Ausrichtung der europäischen Pilotlinien wider.
Auf dieser Basis begleiten wir sehr unterschiedliche Anwendungsfälle. Von klassischen CMOS-Designs über Mixed-Signal-, Hochfrequenz- und Photonik-Anwendungen bis hin zu systemorientierten Ansätzen wie System-on-Chip oder FPGA-basierten Lösungen. In der Prozessentwicklung reicht das Spektrum von 6- bis 12-Zoll-Wafern für verschiedene industrielle und forschungsnahe Einsatzfelder.
Mit dem G3C sprechen wir grundsätzlich alle an, die sich mit Chip- und Halbleitertechnologien beschäftigen oder überlegen, diese in ihren Anwendungen einzusetzen. Einen besonderen Fokus legen wir jedoch auf Start-ups sowie kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Start-ups benötigen häufig Orientierung und Zugang zu Infrastruktur und Partnern, während KMU oft über konkrete Innovationsvorhaben verfügen, jedoch nicht immer über eigene Halbleiter- oder Designexpertise. In beiden Fällen unterstützen wir dabei, Bedarfe einzuordnen und die passenden technologischen und strukturellen Anknüpfungspunkte im europäischen Ökosystem zu identifizieren.
Das Angebot des G3C ist kostenlos. Wie wird die Arbeit des Competence Centres finanziert?
Das G3C verfügt für die Laufzeit von vier Jahren über ein Gesamtbudget von rund 7,9 Millionen Euro. Finanziert wird es durch das European Chips Joint Undertaking, kurz Chips JU, und durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR).
Ein kleiner Teil der Mittel fließt in den Aufbau von Schulungs- und Weiterbildungsangeboten. Der weitaus größere Anteil ist jedoch für unsere Kernaufgabe »Beratung« vorgesehen.
Sie sagten, das Projekt ist im Rahmen des EU Chips Acts verankert. Wie genau fügt sich das G3C in diese Struktur ein?
Der EU Chips Act verfolgt das Ziel, die europäische Halbleiterindustrie langfristig zu stärken. Dafür wurden drei Säulen definiert, wobei die erste Säule den Aufbau und die Förderung des europäischen Halbleiterökosystems adressiert – insbesondere durch Investitionen in Forschung, Entwicklung und Infrastruktur. Ein zentrales Element dieser Säule sind die europäischen Pilotlinien, die die technologische Infrastruktur bereitstellen. Parallel dazu wurde mit dem European Network of Chips Competence Centres (ENCCC) ein Netzwerk aus derzeit 30 Competence Centres in 28 Staaten aufgebaut. Diese sollen den Transfer von Ideen in konkrete Umsetzungen unterstützen. Da die einzelnen Centres in sehr unterschiedlichen nationalen Kontexten agieren, wurde zusätzlich das Projekt aCCCess initiiert. Es bildet den übergeordneten Rahmen für alle Competence Centres und sorgt für einheitliche Arbeitsweisen, Standards und eine abgestimmte Außendarstellung.
Wie ist das G3C in Bezug auf die europäischen Pilotlinien und insbesondere auf die deutsche APECS-Pilotlinie positioniert?
Aktuell existieren fünf europäische Pilotlinien: APECS, FAMES, NanoIC, PIXEurope und WBG. Die Competence Centres sind nicht Teil dieser Pilotlinien, sondern bewusst unabhängig aufgestellt. Unsere Aufgabe im G3C besteht entsprechend darin, als neutraler Informations- und Vermittlungspartner innerhalb des europäischen Halbleiter-Ökosystems zu agieren und Anfragen jeweils an die fachlich am besten geeignete Pilotlinie oder an andere passende Partner weiterzuleiten.
Natürlich besteht für uns hinsichtlich der APECS-Pilotlinie eine besondere fachliche Nähe, da sowohl APECS als auch das G3C von der Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland (FMD) umgesetzt werden. Diese gemeinsame institutionelle Verankerung ermöglicht kurze Abstimmungswege und einen sehr guten Überblick über die Leistungsangebote und Zugangsmöglichkeiten von APECS. Sie ändert jedoch nichts an unserem Grundprinzip der Neutralität. Im G3C bevorzugen wir keine Pilotlinie, sondern empfehlen stets die Infrastruktur, die für das jeweilige Vorhaben technisch und strategisch am sinnvollsten ist. Das bedeutet auch, dass wir eng mit den anderen Chip Competence Centres in Europa in Kontakt sind, um sicherzustellen, dass Anfragen fundiert bewertet und konkrete Umsetzbarkeitsaussagen getroffen werden können.
Abschließend noch eine Frage: Was macht das Konzept der Chip Competence Centres aus Ihrer Sicht weltweit einzigartig?
Das Besondere an den Chip Competence Centres ist die Kombination aus lokaler Nähe und europäischer Vernetzung. Jedes Centre ist tief im jeweiligen nationalen Ökosystem verankert, arbeitet aber gleichzeitig eng mit den anderen europäischen Zentren zusammen. Diese Struktur erlaubt es, Anfragen zunächst lokal effizient zu bearbeiten und sie bei Bedarf sehr schnell an passende Partner oder Pilotlinien in ganz Europa weiterzuleiten. Hinzu kommt die enge Verzahnung mit bestehenden Forschungs- und Technologieeinrichtungen, mit den europäischen Pilotlinien sowie mit Förderinstrumenten wie der EuroCDP. Die Centres vermitteln nicht nur Infrastruktur und Expertise, sondern unterstützen auch ganz konkret bei der Finanzierung und Umsetzung von Projekten im europäischen Kontext.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass unsere Beratungs- und Vermittlungsleistungen für die Nutzerinnen und Nutzer kostenfrei sind. Sie werden vollständig aus öffentlichen Mitteln finanziert. Dadurch können auch sehr frühe oder ungewöhnliche Ideen zunächst einmal ohne wirtschaftlichen Druck geprüft werden. Diese Kombination ist aus meiner Sicht weltweit einzigartig.
Das Interview führte Carolin Steinert. Das vollständige Interview finden Sie in dem FMD-Newsroom.
Die Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland (FMD) als Kooperation von 13 Fraunhofer-Instituten mit den Leibniz-Instituten FBH und IHP ist der direkte Ansprechpartner für alle Fragestellungen rund um die mikro- und nanoelektronische Forschung und Entwicklung in Deutschland und Europa. Als One-Stop-Shop verbindet die FMD wissenschaftlich exzellente Technologien und Systemlösungen ihrer kooperierenden Institute zu einem kundenspezifischen Gesamtangebot.
Unter dem virtuellen Dach der FMD entstand somit 2017 einer der größten Zusammenschlüsse dieser Art mit inzwischen mehr als 5400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und einer einzigartigen Kompetenz- und Infrastrukturvielfalt.
Als Vorreiter für standort- und technologieübergreifende Zusammenarbeit geht die FMD die aktuellen und künftigen Herausforderungen der Elektronikforschung aktiv an und sorgt somit für den Erhalt und Ausbau der technologischen Resilienz Deutschlands und Europas. Die FMD bringt sich als strategischer Dialogpartner aktiv in die deutsche und europäische Forschungsagenda ein und gibt dabei wichtige Impulse zur Entwicklung von elementaren Innovationen für die Welt von morgen.
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