Moderiert von Prof. Dr. Henning Vöpel führte die Konferenz bewusst vom großen sicherheits- und geopolitischen Lagebild hin zur konkreten Umsetzung in Städten, Quartieren und Gebäuden – und schließlich zur Frage, wie Menschen und Organisationen auch unter Unsicherheit handlungsfähig bleiben. Die fünf Akte des Tages behandelten die aktuelle Lage, Finnland als Beispiel gesamtgesellschaftlicher Vorsorge, die bauliche und räumliche Dimension von Resilienz, Risiko und Versicherbarkeit sowie die individuelle und organisatorische Handlungsfähigkeit.
Der regulatorische Rahmen verschärft zugleich den Handlungsdruck. Das 2026 verabschiedete und im März in Kraft getretene KRITIS-Dachgesetz führt erstmals sektorübergreifende Vorgaben für die physische Resilienz kritischer Anlagen ein. Dazu gehören unter anderem Risikobewertungen und Resilienzmaßnahmen der betroffenen Betreiber. Damit wird physische Widerstandsfähigkeit stärker als bisher von einer freiwilligen Vorsorgefrage zu einer systematisch zu organisierenden Aufgabe.
Schleswig-Holstein übernimmt Schirmherrschaft – Finnland als Referenz
Schirmherr der Veranstaltung war Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther, der die Konferenz am Morgen mit einem Grußwort eröffnete. Darin stellte Günther insbesondere den Blick nach Finnland heraus: Deutschland könne beim Aufbau gesellschaftlicher Resilienz viel von dem nordischen Partner lernen.
Damit setzte der Ministerpräsident einen zentralen Akzent für den weiteren Konferenztag. Denn Resilienz, so eine wiederkehrende Erkenntnis der Beiträge und Diskussionen, entsteht nicht allein durch Technik, Schutzbauwerke oder Notfallpläne. Sie benötigt tragfähige Institutionen, eingeübte Kooperationen und eine Bevölkerung, die Vorsorge versteht, akzeptiert und selbst mit- und ihren Teil dazu beiträgt.
Vöpel: Resilienz als Kultur und Gestaltungsaufgabe
Prof. Dr. Henning Vöpel, Direktor des Centrums für Europäische Politik, eröffnete den inhaltlichen Teil mit einer Analyse der gegenwärtigen „Polykrise“. Komplexität und Ungewissheit ließen sich nicht vollständig beherrschen. Umso wichtiger werde die Fähigkeit von Gesellschaften und Organisationen, auch in nicht vorhergesehenen Situationen Lösungen zu entwickeln und handlungsfähig zu bleiben. In seiner Präsentation beschrieb Vöpel Resilienz ausdrücklich als Mentalität und Kultur, die kooperativ, vernetzt und interdisziplinär entstehen müsse. Zugleich gehe es darum, Resilienz über bestehende institutionelle und fachliche Silos hinweg in Konzeption, Planung, Finanzierung und Bauen zu übersetzen.
Prof. Dr. Henning Vöpel: „Resilienz entsteht nicht punktuell. Sie ist eine Mentalität und eine Kultur und muss als kooperative, vernetzte und interdisziplinäre Kompetenz verstanden werden. Die große Aufgabe besteht darin, sie über Silos und Schnittstellen hinweg in Konzeption, Planung, Finanzierung und Bauen zu verankern. Resilienz ist damit vor allem eine Gestaltungsaufgabe.“
Finnland: Sicherheit als Aufgabe der gesamten Gesellschaft
Wie eine solche Kultur praktisch aussehen kann, zeigte S. E. Kai Sauer, Botschafter Finnlands in Deutschland. Der finnische Ansatz der „umfassenden Sicherheit“ begreift Vorsorge nicht als exklusive Aufgabe von Militär, Polizei oder Katastrophenschutz. Staat, Kommunen, Unternehmen, Behörden, Medien und Bevölkerung arbeiten zusammen; Krisenpläne werden abgestimmt und regelmäßig geübt, kritische Infrastruktur gemeinschaftlich geschützt.
Dass diese Vorsorge tief in Alltag und Infrastruktur hineinreicht, verdeutlichte Sauer unter anderem am finnischen Schutzraumkonzept: Rund 50.500 zivile Schutzräume bieten nach seinen Angaben Platz für etwa 4,8 Millionen Menschen bei einer Gesamtbevölkerung von rund 5,6 Millionen. Viele dieser Räume werden in Friedenszeiten ganz selbstverständlich als Lager-, Freizeit-, Schwimm- oder Sportflächen genutzt. Gerade diese Verbindung von Alltagsnutzen und Krisenfunktion wurde im weiteren Verlauf der Konferenz immer wieder aufgegriffen.
S. E. Botschafter Kai Sauer: „Finnlands Stärke liegt in der Verbindung von guter Vorbereitung, klaren Verantwortungen und gesellschaftlichem Vertrauen. Daraus entstehen Resilienz, Wehrhaftigkeit, Innovation und glückliche Bürgerinnen und Bürger.“
Das Quartier als entscheidender Maßstab
Die Übertragung dieser Prinzipien in die gebaute Umwelt stand anschließend im Zentrum des Beitrags von Andrea Soyka und Stefan Wentrup, Geschäftsführung der steg Hamburg mbH. Ihre Kernthese: Resilienz entsteht nicht allein am einzelnen Gebäude oder Grundstück. Erst auf Ebene des Quartiers lassen sich technische Infrastruktur, Energieversorgung, Freiräume, soziale Infrastruktur, Mobilität, Nutzungen und lokale Netzwerke als zusammenhängendes System organisieren.
Das Quartier sei dafür groß genug, um systemische Zusammenhänge abzubilden, gleichzeitig aber klein und konkret genug, um Abhängigkeiten, vulnerable Orte und Handlungsmöglichkeiten erkennbar zu machen sowie zu einem „Zuhause oder Heimatgefühl“ beizutragen, das den Aufbau gesellschaftlicher Netzwerke oder auch Nachbarschaften ermöglicht. Gerade hier könnten technische und soziale Resilienz miteinander verbunden werden, denn das, was im Ernstfall oft zuerst und am effektivsten Hilfe leisten kann, ist die Nachbarschaft.
Dabei müsse sich auch die Planungskultur verändern. Nicht der vermeintlich perfekte Endzustand eines Quartiers sei entscheidend, sondern dessen langfristige Wandelbarkeit: die Fähigkeit, auf heute noch unbekannte Anforderungen reagieren und erstarkt daraus hervorgehen zu können. Die Präsentation forderte deshalb unter anderem integrierte statt ressortbezogener Planung, anpassungsfähigere Regelwerke, Reallabore, resilienzorientierte Investitionsentscheidungen und eine stärkere Ausrichtung der Finanzierungssysteme auf die Quartiersebene.
Andrea Soyka und Stefan Wentrup: „Resilienz entsteht nicht auf der Scholle. Das Quartier macht resilient. Die entscheidenden Potenziale entstehen dort, wo ausreichend Gebäude, Energie, Mobilität, Freiräume, soziale Infrastruktur und Menschen als ein System zusammengedacht werden. Das bedeutet auch, dass Partnerschaften und grundstücksübergreifenden Kooperationen sowie gemeinschaftlichen Finanzierungsmodellen in der Planung künftig ein höherer Stellenwert eingeräumt werden muss. Wir müssen Wandelbarkeit von Anfang an ermöglichen und Resilienz jetzt zur Planungsanforderung machen.“
Dazu gehört auch eine Infrastruktur, die mehr als eine Funktion erfüllen kann. Schulen, Bibliotheken, Parks, Nachbarschaftshäuser oder Sportstätten können im Alltag gesellschaftliche Treffpunkte sein und im Krisenfall zusätzliche Aufgaben übernehmen. Gerade solche „Dritten Orte“ stärken nach dem von Soyka und Wentrup vorgestellten Ansatz zugleich den sozialen Zusammenhalt und die Krisenfähigkeit.
Versicherbarkeit wird zur wirtschaftlichen Resilienzfrage
Dass Vorsorge nicht nur technisch und planerisch, sondern auch finanzwirtschaftlich gedacht werden muss, zeigte Dr. Alexander C. H. Skorna, Geschäftsführer der Funk Consulting GmbH. Unter dem Titel „Resilient bauen, versicherbar bleiben“ rückte er die Lücke zwischen vorhandenen Risiken, tatsächlich bestehender Versicherungsdeckung und staatlicher beziehungsweise eigener Risikotragung in den Mittelpunkt.
Seine Leitfrage lautete: Wer das Risiko trägt, entscheide sich nicht erst im Schadenfall. Für Eigentümer, Unternehmen und öffentliche Akteure sei es deshalb notwendig, Exposition und Deckung systematisch gegenüberzustellen, Präventionsmaßnahmen nachvollziehbar zu dokumentieren und Versicherbarkeit bereits in Entwurf, Vergabe und Finanzierung einzubeziehen.
Dr. Alexander C. H. Skorna: „Die Risikotragung verschwindet nicht, sie verlagert sich: Wenn kein Versicherungsschutz (mehr) greift, tritt am Ende oft die Allgemeinheit ein. Deshalb müssen wir Versicherbarkeit bereits in Entwurf, Vergabe und Finanzierung mitdenken und Prävention mess- und belegbar machen. Solange ein resilient gebautes Gebäude versicherungsseitig genauso behandelt wird wie ein ungeschütztes, bleibt Resilienz betriebswirtschaftlich eine Ausgabe statt eines anerkannten Wertfaktors."
Resilienz endet nicht beim Gebäude: Menschen müssen entscheiden können
Den Bogen vom gebauten Raum zurück zum Menschen schlug Ricarda Rix von der Feuerwehr Hamburg. Anhand von Entscheidungssituationen unter Zeitdruck und Unsicherheit zeigte sie, dass Handlungsfähigkeit gerade dort entscheidend wird, wo Informationen unvollständig sind und keine Option ohne Risiko bleibt.
Menschliche und organisatorische Resilienz sei deshalb trainierbar: durch Erfahrung, definierte Handlungsspielräume, Vertrauen, eine funktionierende Fehlerkultur und das bewusste Üben von Abweichungen vom Normalfall. Die Präsentation stellte dabei baulichen Prinzipien wie Redundanz, Fluchtwegen und Belastungstests entsprechende organisatorische Fähigkeiten wie Vertretungsfähigkeit, Handlungsmöglichkeiten und Übung gegenüber.
Ricarda Rix: „Resilienz bedeutet nicht, dass nichts passiert. Resilienz bedeutet, dass wir handlungsfähig bleiben, wenn etwas passiert. Und diese Handlungsfähigkeit ist trainierbar – indem wir Abweichungen üben, Handlungsspielräume schaffen und lernen, mit Fehlern und Unsicherheit umzugehen.“
Vom Reden ins Tun: Impuls für eine „Kieler Erklärung“
Im abschließenden Panel „Resilienz wird gebaut: Stadt, Infrastruktur, Investition“ kamen die unterschiedlichen Perspektiven des Tages zusammen. Es diskutierten Martin Lepper (stegPS), Dr. Alexander C. H. Skorna, Ricarda Rix und Gudrun Sack unter der Moderation von Wolfgang Branoner über Konsequenzen für Stadtentwicklung, Infrastruktur und Investitionen.
Dabei verdichtete sich eine zentrale Forderung: Die Debatte über Resilienz darf nicht bei Lagebeschreibungen, Zuständigkeitsfragen und Einzelmaßnahmen stehen bleiben. Notwendig ist der Übergang vom Reden ins Tun. Aus dieser Diskussion entstand die Idee einer „Kieler Erklärung“. Sie soll als motivierendes, zugleich praxis- und umsetzungsorientiertes Impulspapier konkrete Handlungsbedarfe bündeln und an die politisch Verantwortlichen adressieren.
Dabei geht es ausdrücklich nicht um ein weiteres abstraktes Grundsatzpapier, sondern um die Frage, welche Rahmenbedingungen Planung, Bau, Betrieb und Finanzierung resilienter Strukturen tatsächlich erleichtern können: Wo müssen Zuständigkeiten zusammengeführt werden? Wo verhindern starre Vorschriften flexible Lösungen? Wie können Prävention und langfristige Anpassungsfähigkeit in Investitions- und Förderentscheidungen einfließen? Und wie lassen sich Quartiere so entwickeln, dass technische, ökologische und gesellschaftliche Resilienz nicht getrennt voneinander behandelt werden?
Eine weitere Erkenntnis zog sich dabei durch nahezu alle Beiträge: Resilienz braucht Resonanz. Schutzkonzepte werden nicht allein dadurch wirksam, dass Institutionen sie beschließen oder Infrastrukturen sie technisch ermöglichen. Eine resiliente Gesellschaft entsteht erst dann, wenn Vorsorge von den Menschen verstanden und mitgetragen wird und wenn sie wissen, welche Rolle sie selbst in Krisen übernehmen können. Finnland zeigt, wie ein solcher gesellschaftlicher Konsens über lange Zeit entstehen und in Alltag, Institutionen und Infrastruktur verankert werden kann.
Für Nils T. Kohle, Veranstalter und Geschäftsführer der steg PS, liegt darin zugleich der zentrale Auftrag an Planung und Bauwirtschaft:
Nils T. Kohle: „Wir müssen Resilienz bereits in der Konzeptionsphase von Gebäuden, Quartieren und Infrastrukturen mitdenken – dezentral, integriert und gemeinsam. Bau- und Immobilienwirtschaft, Kommunen und Sicherheitsakteure sind gleichermaßen gefordert, der gemeinsamen Gestaltungsaufgabe gerecht zu werden. Wir verstehen die heutige Konferenz als Auftakt und werden weiter daran arbeiten, Partnerschaften zu bilden und ein aktives Netzwerk für resiliente Stadt- und Quartiersentwicklung aufzubauen.“
Die Konferenz RESILIENT SOCIETY brachte dafür Akteure aus Bauwirtschaft, Kommunalpolitik, Sicherheitsbehörden und Wissenschaft zusammen. Ihr gemeinsamer Ausgangspunkt: Resilienz entscheidet sich nicht erst im Krisenfall. Sie entsteht Jahre früher – in Planungsentscheidungen, Investitionen, Kooperationen, baulichen Strukturen und einer Gesellschaft, die bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.
Die steg Hamburg entwickelt die Zukunft von Quartieren. Sie verbindet Stadtentwicklung, Projektentwicklung, Immobilienverwaltung und Transformation zu integrierten Lösungen für öffentliche und private Auftraggeber.
Steg Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsges. Hamburg mbH
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