„Bevor irgendjemand eine Anlage baut, muss die Frage beantwortet sein: Wie stark ist die Belastung überhaupt, an welcher Stelle im Prozess entsteht sie, und rechtfertigt sie eine zusätzliche Stufe? Diese Zahlen liefern wir. Erst danach reden wir über Technik — nicht umgekehrt", erläutert Dr. Katrin Schuhen, Gründerin und Geschäftsführerin der Wasser 3.0 gGmbH.
Sylt: Aus Meerwasser werden Ressourcen und Daten
Auf Sylt erschließt das Projekt Meerwasser als Rohstoffquelle. Der Anlagenbauer Taprogge errichtet eine nachhaltige Entsalzung, bei der kein flüssiger Abfallstrom übrigbleibt. Aus dem Nordseewasser produziert die Sylter GenussMacherei gleich mehrere nutzbare Produkte: Meersalz, eine aufkonzentrierte Sole und potenzielles Trinkwasser, das im neuen Prozess gewonnen und anschließend analysiert und qualifiziert wird. Für eine Insel mit 18.000 Einwohnerinnen und Einwohnern und über 600.000 Gästen im Jahr ist das ein Beitrag zur Versorgungssicherheit. Für Küstenregionen in ganz Europa ist es ein Modell dafür, wie sich aus einem einzigen Rohstoff mehrere Wertströme gewinnen lassen.
Und genau hier setzt Wasser 3.0 an. Denn was in diesen Produkten landet, hängt davon ab, was vorher im Meerwasser war — und wie viel Mikroplastik dort tatsächlich enthalten ist, weiß bislang niemand genau. Das Unternehmen erhebt deshalb die Datengrundlage an jeder relevanten Stelle der Kette: im Rohwasser aus der Nordsee, in der Sole, im gewonnenen Meersalz und im potenziellen Trinkwasser, das der neue Prozess liefert. Wo im Prozess reichern sich Partikel an? Wie verändern sich die Werte über die Saison, wenn sich die Zahl der Menschen auf der Insel vervielfacht? Dafür passt Wasser 3.0 seine Analytik zur Mikroplastik-Detektion an die verschiedenen Wassermatrizes an und entwickelt Probenahme- und Auswertungsprotokolle, die reproduzierbare Vergleiche erlauben.
Erst auf dieser Basis wird bewertet, ob eine zusätzliche Entfernungsstufe nötig ist, wo im Prozess sie den größten Effekt hätte und ob sich der Aufwand ökologisch und wirtschaftlich rechtfertigen lässt. Fällt die Bewertung entsprechend aus, steht mit der Clump & Skim-Technologie von Wasser 3.0 ein erprobtes Verfahren bereit, das Mikroplastik filterfrei abschöpft. Auch das Gegenteil ist ein valides Ergebnis: Zeigen die Messungen keine relevante Belastung, wird keine Stufe gebaut — und auch diese Erkenntnis hilft jeder anderen Entsalzungsanlage in Europa weiter.
Aus dem Zusammenspiel entsteht ein übertragbares Vorgehensmodell für Küsten- und Inselgemeinden: erst wissen, was im Rohstoff steckt, dann entscheiden, welche Produkte daraus entstehen und welche Behandlung sie brauchen. Die Umsetzung vor Ort führt die Gemeinde List auf Sylt, die regionale Weiterverarbeitung des gewonnenen Meersalzes übernimmt die Sylter GenussMacherei. Genau das ist der Kern einer nachhaltigen Blue Economy: Meerwasser nicht nur nutzen, sondern zuerst verstehen.
Donau: über 50 Messpunkte, erhoben von Schulen und Freiwilligen
Dasselbe Prinzip trägt den zweiten Schwerpunkt. Wasser 3.0 leitet gemeinsam mit der Universität für Bodenkultur Wien eine Mikroplastik-Kampagne an der Donau: über 50 standardisierte Probenstellen, beprobt von Schülerinnen, Schülern und Freiwilligen, analysiert und zweifach validiert im Karlsruher Labor. Die Kampagne knüpft an das laufende Wasser-3.0-Vorhaben DONAU 2850 an, das erstmals eine durchgehende Kartierung des zweitlängsten Flusses Europas aufbaut.
Warum das zählt: Ein einzelnes Stück Plastik, das bei Ulm in den Fluss gerät, ist Wochen später im Schwarzen Meer — und zerfällt dort in Partikel, die niemand mehr einsammeln kann. Wer flussaufwärts misst, kann flussabwärts handeln. Alle Messwerte fließen offen zugänglich in die Global Map of Microplastics sowie in die europäischen Datenplattformen EMODnet und den Digitalen Zwilling des Ozeans.
Drei Rollen mit Verantwortung
Wasser 3.0 ist in REMEDIES 5.0 nicht nur Technologiegeber, sondern führt an drei Stellen:
- Leitung des Arbeitspakets zur Wasserbehandlung: Wasser 3.0 koordiniert europaweit, wie Monitoring- und Behandlungstechnologien an die 13 Standorte angepasst werden.
- Leitung des Demo-Standortes Sylt: fachliche Gesamtverantwortung von der Nullmessung über die Bewertung bis zum Nachweis.
- Gemeinsame Projektleitung der Donau-Kampagne mit der BOKU: Methodik, Schulung, Analytik und Auswertung der Bürgerdaten.
Damit überträgt das Unternehmen seine Strategie detect | remove | reuse erstmals in dieser Größenordnung in die Meerwasserumgebung und baut die Citizen Science Kampagnen rund um das Mikroplastik Mapping an Gewässern weiter aus.
Häufige Fragen zum Projektstart
Was ist REMEDIES 5.0?
REMEDIES 5.0 ist eine von der Europäischen Union geförderte Innovation Action im Rahmen der EU-Mission „Restore our Ocean and Waters by 2030“. 52 Partner aus 15 Ländern demonstrieren zwischen 2026 und 2030 an 13 Standorten über 20 Lösungen zur Wiederherstellung von Wasserfrontstädten und Häfen.
Welche Rolle hat Wasser 3.0 in dem Projekt?
Wasser 3.0 leitet den Demo-Standort auf Sylt, führt europaweit das Arbeitspaket zur Anpassung der Wasserbehandlungstechnologien und führt gemeinsam mit der BOKU in Wien die Projektleitung der Mikroplastik-Kampagne an der Donau. Der Schwerpunkt liegt zunächst auf der Datenerhebung: Belastungen messen, bewerten und daraus Handlungsempfehlungen ableiten.
Wird auf Sylt Mikroplastik aus dem Wasser entfernt?
Das entscheiden die Messdaten. Wasser 3.0 erhebt zuerst die Belastung des Rohwassers aus der Nordsee und aller daraus gewonnenen Produkte: Sole, Meersalz und das potenzielle Trinkwasser aus dem neuen Prozess. Auf dieser Grundlage wird bewertet, ob eine zusätzliche Entfernungsstufe erforderlich und sinnvoll ist und an welcher Stelle im Prozess sie den größten Nutzen bringt. Erst danach folgt die technische Entscheidung.
Wie funktioniert die Mikroplastik-Analytik von Wasser 3.0?
Wasser 3.0 setzt auf ein Nachweisverfahren mit Fluoreszenzmarkern, das Mikroplastik in Wasser schnell, reproduzierbar und kostengünstig sichtbar macht und sich auch zur laufenden Prozesskontrolle eignet. Details stehen auf der Seite zur Mikroplastik-Analytik.
Können Bürgerinnen und Bürger mitmachen?
Ja. Sowohl auf Sylt als auch entlang der Donau entstehen Citizen-Science-Programme mit standardisierten Probenahmeprotokollen und Schulungen. Schulen und Gruppen finden Einstiegsangebote unter Schulen & Citizen Science, eigene Messwerte lassen sich in die Global Map of Microplastics einspeisen.
Sind die Ergebnisse öffentlich zugänglich?
Ja. Wissenschaftliche Veröffentlichungen erscheinen im Open Access, Forschungsdaten werden nach den FAIR-Prinzipien in offenen Repositorien bereitgestellt. Der offizielle Projektsteckbrief steht auf CORDIS, laufende Berichte im Blog von Wasser 3.0.
Die Wasser 3.0 gGmbH ist ein im Mai 2020 gegründetes non-profit Unternehmen, das durch die Verknüpfung von high-tech Materialien und low-tech Verfahren in Verbindung mit systemischer Perspektive neue Wege für den Umwelt- und Gesundheitsschutz in der (Ab-)Wasserreinigung aufzeigt. Im Fokus stehen flexible, kosten- und energieeffiziente Lösungen für die Entfernung von Mikroplastik und Mikroschadstoffen aus Wässern. Dazu gehören zum ersten Mal auch Detektionsverfahren und Weiterverwendungskonzepte. Entsprechend des Selbstverständnisses als Sustainability Entrepreneur handelt die Wasser 3.0 gGmbH Sektoren-übergreifend mit dem Ziel, messbare Beiträge zu den UN-Nachhaltigkeitszielen in den Bereichen verantwortungsbewusste Forschung, Green Innovation und nachhaltige Bildung zu leisten.
Wasser 3.0 gGmbH
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