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Mehr erneuerbare Energien, mehr kurze Stromausfälle? Unternehmen berichten über wachsende Probleme

Der Anteil der Unternehmen, die Unterbrechungen von weniger als drei Minuten melden, ist laut DIHK innerhalb von zwei Jahren deutlich gestiegen. Gleichzeitig weisen die technischen Netzstatistiken keine entsprechende Zunahme aus. Der scheinbare Widerspruch lenkt den Blick auf einen Bereich, der in der öffentlichen Diskussion oft fehlt: die Spannungsqualität am einzelnen Netzanschluss.

Fachbeitrag von Dominic Harnisch, Geschäftsführer der Akkurat – Gesicherte Stromversorgungen GmbH

Deutschland hat im internationalen Vergleich ein sehr zuverlässiges Stromnetz. Nach Angaben der Bundesnetzagentur lag die durchschnittliche Unterbrechungsdauer je Letztverbraucher 2024 bei 11,7 Minuten. Im Vorjahr waren es 12,8 Minuten. Eine Verschlechterung der in dieser Kennzahl abgebildeten Versorgungszuverlässigkeit bei längeren Unterbrechungen lässt sich daraus nicht ablesen. Viele Unternehmen erleben ihre Stromversorgung dennoch anders. In einer Sonderauswertung zum IHK-Energiewende-Barometer 2024 gaben 15,7 Prozent der befragten Betriebe an, innerhalb der vorangegangenen zwölf Monate von Stromausfällen unter drei Minuten betroffen gewesen zu sein. 2023 waren es 10,3 Prozent, 2022 erst 9,1 Prozent. Besonders deutlich ist die Betroffenheit in der Industrie: Dort berichtete 2024 etwa jedes vierte Unternehmen von Problemen durch überwiegend kurze Unterbrechungen. Das Energiewende-Barometer 2025 beschreibt die Betroffenheit weiterhin als hoch. Diese Befunde widersprechen einander nicht. Bundesnetzagentur, DIHK und VDE betrachten unterschiedliche Ausschnitte desselben Problems.

Was in der offiziellen Stromausfallstatistik fehlt

Der bekannte SAIDI-Wert der Bundesnetzagentur berücksichtigt nur Versorgungsunterbrechungen von mehr als drei Minuten. Kürzere Ereignisse fließen nicht ein. Gerade für automatisierte Produktion, Rechenzentren, Kommunikationsanlagen oder medizinische Technik kann diese Grenze jedoch weit außerhalb des praktisch relevanten Bereichs liegen. Dort können bereits sehr kurze Abweichungen genügen, um Steuerungen zurückzusetzen, Schütze abfallen zu lassen oder Prozesse ungeplant zu stoppen. Der umgangssprachliche Begriff „Mikrostromausfall“ fasst mehrere technische Phänomene zusammen. Ein Spannungseinbruch liegt vor, wenn die Spannung für 10 Millisekunden bis zu einer Minute deutlich absinkt, ohne zwingend vollständig auszufallen. Von einer kurzen Versorgungsunterbrechung spricht der VDE bei einer Unterbrechung von mehr als einer Sekunde bis zu drei Minuten. Ereignisse bis zu einer Sekunde werden der Spannungsqualität zugerechnet. Daneben können schnelle Spannungsschwankungen, Oberschwingungen und transiente Überspannungen empfindliche Betriebsmittel beeinflussen. Die DIHK-Befragung bildet diese Unterschiede nicht messtechnisch ab. Sie erfasst, ob Unternehmen konkrete Probleme mit Stromausfällen unter drei Minuten gemeldet haben. Das ist für die wirtschaftliche Betroffenheit aussagekräftig, erlaubt aber keine Aussage darüber, wie tief die Spannung abgesunken ist, wie lange ein Ereignis tatsächlich dauerte oder ob seine Ursache im öffentlichen Netz oder in der Kundenanlage lag.

Mehr Meldungen, aber keine auffällige Zunahme der erfassten kurzen Versorgungsunterbrechungen

Der VDE FNN kommt in seinem Leitfaden zur Versorgungsqualität von November 2025 zu einem anderen, ebenfalls wichtigen Befund. Seine Störungs- und Verfügbarkeitsstatistik deckt nach eigenen Angaben rund 75 Prozent der deutschen Stromkreislängen ab und erfasst in Nieder- und Mittelspannungsnetzen auch Unterbrechungen ab einer Sekunde. Die Zahl dieser kurzen Versorgungsunterbrechungen sei über die vergangenen Jahre stabil geblieben und weise keine Auffälligkeiten auf. Damit stehen zwei belastbare Beobachtungen nebeneinander: Immer mehr Unternehmen berichten von kurzen Ausfällen, während die technische Statistik keinen vergleichbaren Anstieg der erfassten Netzereignisse zeigt. Eine mögliche Erklärung liegt auf der Verbraucherseite. Moderne Anlagen enthalten deutlich mehr Leistungselektronik, elektronische Steuerungen, Frequenzumrichter und vernetzte Komponenten als frühere Maschinengenerationen. Ein Ereignis, das eine robuste elektromechanische Anlage kaum beeinträchtigt hätte, kann heute eine ganze Prozesskette anhalten. Auch der VDE verweist darauf, dass die wahrgenommenen Funktionsstörungen zunehmen, obwohl die zugrunde liegenden Netzereignisse in seiner Statistik weitgehend konstant bleiben. Hinzu kommt die unterschiedliche Erhebungsmethode. Die DIHK misst den Anteil der Unternehmen mit mindestens einem gemeldeten Problem. Der VDE wertet definierte Versorgungsunterbrechungen und daraus gebildete bundesweite Kennwerte aus. Ein einzelner regionaler Fehler kann viele Unternehmen betreffen. Zugleich können Betriebe Spannungseinbrüche, interne Störungen und tatsächliche Versorgungsunterbrechungen ohne geeignete Messtechnik kaum sicher auseinanderhalten.

Welche Rolle spielen erneuerbare Energien?

Der Ausbau von Wind- und Solarenergie verändert den Betrieb der Stromnetze. Erzeugung findet dezentraler statt, Lastflüsse wechseln häufiger ihre Richtung und ein wachsender Teil der Anlagen ist über Leistungselektronik mit dem Netz verbunden. Die Bundesnetzagentur sieht durch die zunehmende Komplexität des Stromsystems zusätzliche Anforderungen an dessen Stabilität. Dazu gehören unter anderem regelbare Blindleistung und Momentanreserve, angepasste Systemschutz- und Netzwiederaufbaukonzepte sowie flexible Backup-Kraftwerke. Ein direkter Schluss von mehr erneuerbaren Energien auf mehr kurze Stromausfälle wäre dennoch nicht belegt. Die DIHK-Zahlen zeigen eine steigende unternehmerische Betroffenheit, untersuchen aber nicht die Ursachen der gemeldeten Ereignisse. Nach Angaben des VDE werden Spannungseinbrüche vor allem durch Fehler und Störungen im Netz, Kurzschlüsse oder das Zuschalten großer Lasten verursacht. Auch Gewitter, beschädigte Kabel, Schalthandlungen und Anlagen anderer Netzkunden können eine Rolle spielen. Wechselrichter von Photovoltaik- und Windenergieanlagen können die Spannungsqualität beeinflussen, sind aber nur ein Faktor in einem komplexen System. Die Energiewende ist daher ein relevanter Rahmen für die Diskussion, aber keine hinreichende Erklärung für jeden kurzen Ausfall. Für die unmittelbare Schadenswirkung ist die Ursache zunächst zweitrangig. Für die Auswahl geeigneter Gegenmaßnahmen und die Klärung der Verantwortlichkeit ist sie dagegen entscheidend.

Absicherung beginnt mit einer Messung

Pauschale Maßnahmen führen bei Problemen mit der Spannungsqualität häufig zu unnötigen Kosten oder schützen an der falschen Stelle. Vor der technischen Lösung sollte deshalb geklärt werden, welches Ereignis tatsächlich auftritt und welche Verbraucher darauf reagieren. Ein belastbares Konzept umfasst vier Schritte:

  1. Die Spannungsqualität am Netzanschluss und möglichst nahe am betroffenen Verbraucher über einen ausreichenden Zeitraum messen.
  2. Kritische Prozesse nach zulässiger Unterbrechungsdauer, Leistungsbedarf und wirtschaftlicher Auswirkung priorisieren.
  3. Schutzmaßnahmen passend zum Fehlerbild auswählen. Für Steuerungen, IT und andere sensible Verbraucher kann eine Online-USV Spannungseinbrüche und kurze Unterbrechungen überbrücken. Bei großen Antrieben oder vollständigen Produktionslinien können weitere Lösungen erforderlich sein.
  4. Das Zusammenspiel von USV, Netzersatzanlage, Schutztechnik und Lastabwurf regelmäßig unter realistischen Bedingungen prüfen. Ein konventionelles motorbetriebenes Netzersatzaggregat allein löst das Problem kurzer Unterbrechungen nicht, weil zwischen Netzausfall, Start und Lastübernahme eine Versorgungslücke entsteht. Eine USV kann diese Lücke schließen und zugleich viele Störungen der Eingangsspannung von den angeschlossenen Verbrauchern entkoppeln. Ob sie nur eine Steuerung, ausgewählte Anlagen oder einen größeren Versorgungsbereich absichern soll, muss am konkreten Prozess entschieden werden. Die gute deutsche Stromausfallstatistik bleibt richtig. Für Betreiber sensibler Technik ist sie jedoch kein ausreichender Maßstab. Entscheidend ist die Spannungsqualität am eigenen Standort und die Frage, welche Folgen bereits ein Ereignis von wenigen Millisekunden oder Sekunden auslöst. Ein statistisch zuverlässiges Netz ersetzt keine standortbezogene Absicherung.

Quellen

Über die Akkurat – Gesicherte Stromversorgungen GmbH

Die Akkurat – Gesicherte Stromversorgungen GmbH mit Sitz in Radebeul plant, installiert und wartet Systeme für unterbrechungsfreie Stromversorgung, Netzersatz und Sicherheitsbeleuchtung. Geschäftsführer des 1996 gegründeten Unternehmens ist Dominic Harnisch.

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